The big “C” word

 

 

Das Einzige, das sich zuletzt mit großer Hingabe an mich klettete, war die Bindung meiner Langlaufskier. Diese tragikomische Situation beschrieb ich bereits in epischer Breite in meinem vorletztem Artikel auf diesem Blog. Die Bindung wollte sich trotz meiner akrobatischen Meisterleistung nicht lösen (oder vielleicht gerade deswegen?) – nur mit größter Mühe beziehungsweise Hilfe meiner Mitfahrerinnen gelang es mir, mich aus den bösen Klauen meiner neuen langen Freunde zu befreien. Grund genug, mit sofortiger Wirkung dem Skifahren ewige Treue zu schwören – wenigstens kann sich man sich hier im Fall der Fälle sofort lösen. Also aus der Skibindung, versteht sich. Klingelt da was? It’s all about commitment.

Die “neue” Unverbindlichkeit

Die meisten von Euch werden wahrscheinlich just in diesem Moment genervt mit den Augen rollen. “Bindungsunwilligkeit”, “Unverbindlichkeit”, “Valentinstag” – mensch Jessie, der Drops ist sowas von gelutscht! Interessiert kein Schwein! Doch, mich interessiert es. Und es stört mich. Und nein, das hier wird kein “Anti-Valentinstags-Rant”. Weil der Tag eh für mich so sexy und aufregend ist wie lange Skiunterwäsche und Horst Seehofer.

Unverbindlichkeit erstreckt sich weit über das hinaus, was Bridget Jones vor nahezu zwanzig Jahren als “commitment phobic/emotional fuckwit” beschrieb. Unverbindliches Verhalten zieht sich wie ein Bandwurmfortsatz durch alle Lebensbereiche. Und sorry vorab, wenn das allzu sehr nach “früher war mehr Lametta” anmutet. Aber es lässt sich nunmal nicht verleugnen, dass es früher zumindest um die zwischenmenschliche Kommunikation um einiges besser und verbindlicher bestellt war.

WhatsApp, Tinder & Co.

Will man sich heute verabreden, geht erst einmal ein Tsunami an WhatsApp-Nachrichten nieder, der sich mitunter über Stunden, gar Tage erstreckt. Warum auch anrufen – da kann man sich nicht so gut last minute aus der Affäre ziehen, sollte sich in der second last minute eine attraktivere Vergnügung ergeben. Wer sich vom unverbindlichen WhatsApp dennoch unter Druck gesetzt fühlt, der kann die blauen Benachrichtigungshäkchen deaktivieren. Damit ihm nicht vorgeworfen werden kann, er/sie/es habe die jeweilige Nachricht gelesen und nicht geantwortet.

Die Illusion der Spielwiese mit den unbegrenzten Möglichkeiten wird auch vom publikumsstärksten Netzwerk aka Facebook aufrechterhalten. Mit steter Regelmäßigkeit ploppen Nachrichten von Freunden auf, die an scheinbar tausend Events, manchmal am selben Tag sogar, “interessiert” sind. Wie praktisch. Man muss weder ab- noch zusagen, sondern man bleibt einfach “interessiert”.

Oder man wischt eine Person einfach zewa-wischmäßig weg, wie auf Tinder. Ironischerweise auf einer Plattform, wo eh 40 Prozent der Statisten liiert beziehungsweise sogar verheiratet ist. Da kann das logischerweise mit der Verbindlichkeit nicht klappen. Hello ghosting – ein menschlicher Abgrund, der tief blicken lässt.

“First world problems” mag der eine oder andere an dieser Stelle einwerfen. Mag sein. Und man kann natürlich auch letzten Endes wahre Freunde daran festmachen, dass sie sich über den ganzen Humbug hinwegsetzen und man sie auch tatsächlich auch im analogen Kosmos mal zu sehen bekommt. Und schlimmer geht immer, siehe unten.

 

Früher war doch mehr Lametta

 

Keiner jammert in der Tat so schön wie wir Deutsche. Zu heiß, zu kalt, zu wenig Schnee, zu viele Flüchtlinge, zu wenig Frauen in Führungspositionen – die Liste lässt sich beliebig fortführen. Und das meiste davon prallt an mir ab, bis auf ein beängstigendes Phänomenen, sprich die Prekarisierung des Arbeitsmarktes, ein exponentieller Trend seit der Finanzkrise 2009. Auch für mich persönlich ein Leitmotiv meiner beruflichen Laufbahn, jagt doch eine befristete Stelle die nächste seit mehr als einem Jahrzehnt.

Facebook bringt derartige Arbeitsverhältnisse mit seiner anschaulichen Terminologie mal wieder perfekt auf den (unverbindlichen) Punkt: “a complicated relationship”. Da stellt sich für mich als rational denkender Mensch unweigerlich die Frage: wie finden wir wieder zurück zu einer Beständigkeit und Verbindlichkeit in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen, wenn uns der Arbeitsmarkt tagtäglich eine andere Realität signalisiert? Ganz zu schweigen von der Politik, die sich ständig im Umbruch befindet?

Wie immer gibt es auch hierfür kein Allheilmittel. Ich bin mit Ende 30 auch weit entfernt davon, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, aber versuche, trotz der nicht abreißenden Unbeständigkeit und Unruhe um mich herum, einen inneren Pol zu finden und zu halten.
Daraus genügend Kraft für Verbindlichkeit zu schöpfen. Denn: auch wenn der letzte deutsche, in Franken ansässige Lamettahersteller namens Riffelmacher und Weinberger seine Produktion Ende 2015 eingestellt hat, heisst das noch lange nicht, dass altbewährte Tugenden wie Verbindlichkeit auch mit eingestampft werden müssen. Getreu dem Motto: old school is the new cool 🙂

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