Spießer, der — ein deutsches Phänomen

 

“Argh, this is too spießig for words!” Wir stehen bei Tchibo zwecks Begutachtung von (nützlichen?) Fitnessgadgets.
D., einer meiner Lieblingsmenschen in München, fellow Brit und partner in crime lächelt zaghaft ob meines nicht überhörbaren Ausrufs, der im übrigen einem “Für Sie/Für Ihn”-Trainingsoutfit galt.
“What on earth is spießig?!?” schiebt sie als Frage gleich hinterher. An dieser Stelle sei anzumerken, dass in meiner Funktion als Übersetzerin es von mir im Freundeskreis und innerhalb der Familie allgemein erwartet wird, dass ich ein wandelndes Wörterbuch/Sprachroboter bin und im Handumdrehen die richtige Übersetzung des Fremdwortes “ausspucke”, was mir in 95 Prozent der Fälle auch gelingt.
Ausnahmen bestätigen jedoch die Regel – ich murmelte etwas von “petit-bourgeois” und schwenke sehr schnell auf ein anderes Thema über. Anlass genug jedoch, dem Ganzen näher auf den Grund zu gehen.

 

(photo credit: Landesbausparkassenverband)

 

“Spießer” ist einer der vielen deutschen, aus fremdsprachendidaktischer Sicht sehr sperrigen Begriffe, wenngleich er im deutschen Sprachgebrauch zum geflügelten Wort
geworden ist. Wer erinnert sich nicht an die Werbekampagne der LBS, in der die Spießigkeit sich zu neuer Coolheit emporschwang – “Papa, wenn ich groß bin, werde ich auch mal Spießer” […]. Im Übrigen eine der wenigen Kampagnen, in der die Sparkasse ihr über Jahrzehnte konsolidiertes Spießerimage abschüttelt.

Aber was hat es mit dem nebulösen Begriff nun auf sich, den wir allzu oft in unsere Gespräche mit einfließen lassen? Eine Blitzumfrage im Freundeskreis ergab ein buntes Potpourri an Assoziationen, nachfolgend ein kleiner Auszug dessen: “Häkeldecken”, “Handygürteltaschen”, “Sideboard in rustikal Eiche”, “Fahrradhosenklammern”, “Altersvorsorge mit 28”, “ständig mit angezogener Handbremse durchs Leben gehen”, “Reihenhäuser mit Gartenzwerg”, “Windjacken im Partnerlook” u.v.m.

The clever bit:

Im Zuge meiner Mini-Umfrage sind auch öfters Umschreibungen gefallen, die auf die wertkonservativ-normkonforme und risikoaverse Prägung des Spießbürgers abstellen – diese Grundzüge finden sich auch im historischen Verlauf wieder.

Der Spießbürger als solcher findet seinen Ursprung im Mittelalter und bezeichnet die Personengruppe, die ihre Heimatstadt mit dem Spieß verteidigten, abzugrenzen von den in der Vorstadt beheimateten Pfahlbürgern. Insgesamt zählten die Spießbürger zu den eher ärmeren Bürgern, die sich eigene Söldner nicht leisten konnten, was aber zum damaligen Zeitpunkt ihrem Ansehen keinen Abbruch tat, zumal der Dienst zur Verteidigung der Heimatstadt als Ehre angesehen wurde.

Im 18./19. Jahrhundert sank das Ansehen des Spießbürgers jedoch zusehends. Der damals renommierte Sprachforscher und Lexikograph Johann-Christoph Adelung verweist in seinem Opus Magnum „Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart“ (1811) auf den Spießbürger wie folgt: „Jetzt gebraucht man es nur im verächtlichen Verstande von einem jeden geringen Bürger (…), vielleicht, weil man zu den Spießbürgern nur die ärmsten und untauglichsten wählete, dagegen die reichern bessern zu Pferde dieneten“.

Die vorwiegend aus reichem und adligem Hause stammenden Studenten im 19. Jahrhundert verwendeten den Begriff schließlich, um eine der Kultur nicht aufgeschlossene Person zu stigmatisieren. “Spießbürger” wurde demnach gleichbedeutend mit “Philister” verwendet – eine gängige Bezeichnung, die gesellschaftlich Bessergestellte verwendeten gegenüber kleinbürgerlichen und aus ihrer Sicht engstirnigen Menschen. So geschehen auch bei Heinrich Heine, der über seine Studentenzeit in Göttingen folgende Worte findet (1826):„Im Allgemeinen werden die Bewohner Göttingens eingetheilt in Studenten, Professoren, Philister und Vieh… Die Zahl der göttinger Philister muß sehr groß seyn, wie Sand, oder besser gesagt, wie Koth am Meer (..).”

Während Karl Marx den Begriff interessanterweise gleichsetzt mit den Menschen, die sich nicht für den Gedanken einer sozialen Revolution begeistern lassen („Menschen, das wären geistige Wesen, freie Männer, Republikaner. Beides wollen die Spießbürger nicht sein“), erfährt der Spießbürger eine leicht abgewandelte Bedeutung im 20. Jahrhundert, vor allem zunehmend in der Literatur.

So bezeichnet etwa Ödön von Horvath in seinem 1930 erschienen Werk “Der ewige Spießer” selbigen als einen „hypochondrischen Egoist, der danach trachtet, sich überall feige anzupassen und jede neue Idee zu verfälschen, indem er sie sich aneignet“. Der Spießer reise in der Welt herum und sehe doch nur sich selbst. Was gut und böse sei, wisse er ohne nachzudenken.

Man könnte das Thema noch beliebig weiter deklinieren bis zum heutigen Tag, inklusive des im Nachgang der 68er-Revolte aufkeimenden Begriffs des “Neo-Spießers” – dies würde aber hier den Rahmen sprengen. Und meine mühsam erworbene kleine Leserschaft permanent vergraulen.

Ich denke mal, dass in jedem von uns ein kleiner Spießer schlummert, ein mit zunehmenden Alter sich herauskristallisierendes Phänomen – ja, auch bereits mit Ende 30, Anfang 40, man glaube es kaum. Selbst ich kann den für mich bis dato latent-spießigen Wunsch nach Nähe und Geborgenheit im Zusammenhang mit der dunkler und kühler werdenden Jahreszeit nicht wirklich leugnen, sprich”Kuscheln auf der Couch”. Couch ist übrigens die Spießerversion des Sofas – in diesem Sinne: auf die neue Spießigkeit!

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