Don’t look back in anger on 2016 – Stiff upper lip vs. deutsche “Meckerkultur

Bämm! Dezember hat unverkennbar allerorts Einzug gehalten – letzter Monat dieses “annus horribilis” (danke Queen Elizabeth II für diese ironische Anspielung auf “annus mirabilis”).
Ich habe vor einigen Tagen einen Facebook-Eintrag einer von mir sehr geschätzten Spiegel Online-Redakteurin gelesen, in dem diese in gewohnt-sarkastischer Manier nach einem Schlagwort zur Umschreibung des Jahres 2016 suchte. Von “Keine Angst, das tut nur ein bißchen weh. Oh”, “Das macht er doch sonst nie” bis “ich dachte Du machst 1 Witz”, war wirklich alles dabei.
Entgegen meiner üblichen kreativ-impulsiven Art habe ich mich nicht in dieses digitale Brainstorming eingebracht, sondern meine Ergüsse für mich behalten. Bezeihungsweise als Denkanstoss für meinen Blog.

Als Halbengländerin bin ich von Haus aus dazu prädestiniert, jeder noch so verzwickt-misslichen Lage das Positive abzugewinnen, selbst aus dem tiefen Tal der Tränen ein Tausend-Volt-Lächeln in den Äther zu schicken. Getreu dem Motto “it could always be worse”, oder wie mein Landsmann Winston Churchill es so treffend formulierte, “die Kunst ist, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wurde”, auch bekannt als “stiff upper lip”.

Diese den Briten intrinsische Eigenschaft, selbst in Zeiten ärgster Widrigkeiten ein starkes Nervenkostüm zur Schau zu stellen trotz größter emotionaler Aufruhr, ist historisch verankert in der viktorianischen Ära.
Den in elitären Privatschulen (sogenannte “public schools”, eine irreführende Bezeichnung) erzogenen Sprösslingen wurde von Kindesbeinen an die “stiff upper lip”-Maxime eingebläut, mittels pseudomilitärischem Drill, harten Sportwettkämpfen, Prügelstrafen und eiskalten Duschen. Das ganze Brimbamborium diente als optimale Vorbereitung auf künftige Führungspositionen im British Empire, sei es in der Regierung, in der Wirtschaft oder fernab von London in einer der zahlreichen Kolonien.

 

 

(Quelle: The New Statesman)

Man könnte noch viel mehr historisch ins Detail gehen, beziehungsweise das Phänomen genauer beleuchten – das würde jedoch den hiesigen Rahmen sprengen. Es erübrigt sich jedoch zu sagen, dass spätestens 1997 es mit der sagenumwobenen “stiff upper lip” endgültig vorbei war – wer erinnert sich nicht an die weltweit zur Schau gestellte Volkstrauer anlässlich des Ablebens von Lady Di, welches die tapfere Fassade der Briten unwiderruflich zum Schmelzen brachte.

Soweit so gut bzw. so schlecht – mit diesem kleinen Exkurs wollte ich vor allem meine innere, kulturell-bedingte Haltung erklären, insbesondere meine Weigerung, in den allgegenwärtigen Klagegesang mit einzustimmen. Letzteres wiederum eine in Deutschland sehr weitverbreitete Geisteshaltung – Meckern hat sich in unseren Gefilden in den letzten Jahren zum Volkssport gemausert, ungeachtet der Tatsache, dass wir hierzulande wirklich wenig Grund zur Klage haben und auch so unliebsame Erscheinungen wie die AFD (noch) optimistischerweise als Randphänomen betrachten dürfen.

Um wieder an die eingangs erwähnten Keywords anzuknüpfen, so war ich zugegebenermaßen zwischen stoisch-britischer Zurückhaltung und unverhohlener deutschen Schwarzmalerei hin- und hergerissen – davon zeugen auch meine kreativen Ergüssen mit Einfällen wie etwa “Super GAU”, “it could always be worse”, “Murphy’s Law”, “Denkste” und “am anderen Ende des Tunnels brennt immer ein Licht”.

Letzten Endes gilt es jedoch, nicht wie Lots Frau zur Salzsäule zu erstarren (Altes Testament), sondern halbwegs (….) zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. 2016 war zweifelsohne ein mehr als bescheidenes, ein für mich persönlich mit einer unterdurchschnittlichen Menge an Erfolgserlebnissen gekröntes Jahr – irgendwie ahnte ich bereits im Januar, dass ein Jahr, das quasi mit dem Tode David Bowies eingeläutet wurde, unter keinem guten Stern stand.

“Ist viel geschehen. Ward viel versäumt” – so fasst das auch Erich Kästner, einer meiner Lieblingsautoren seit Kindertagen, bezeichnenderweise in seinem Gedicht “Dezember” (Die 13 Monate) zusammen. Sehr schöne, kluge Worte zum Jahresrückblick, und von besonderer Brisanz in diesem zuweilen apokalyptischen Jahr.

Here we go:

 

(Quelle: Erich Kästner, Die 13 Monate, dtv Verlag)

 

Und so schließt sich wieder der kulturelle Kreis, von der britischen “stiff upper lip” zurück zur deutschen vorweihnachtlichen Besinnlichkeit. Das funktioniert, und zwar fast ganz ohne Schwarzmalerei. Ich bin der lebende Beweis hierfür 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.